ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Fragen zu verschiedenen Lesarten der überlieferten Texte
m.schoeffel
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ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » So 28. Aug 2016, 18:56

Mir ist aufgefallen, dass besagte Schreibweise des Namens in den Evangelien in scheinbar willkürlicherweise zu finden ist. Eine erste Einschätzung von mir bezogen auf das ganze NT ist, dass ιερουσαλημ eher übertragend/poetisch benutzt wird, ιεροσολυμα dagegen als konkrete irdische Ortsbezeichnung. Ich werde dem noch weiter nach gehen. Hat wer von euch darüber schon mehr Erkenntnisse ?

Ben
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Di 30. Aug 2016, 17:41

Also ich würde nicht das Wort "willkürlich" benutzen. Schaut man sich an, wie die ntl. Autoren die beiden Wörter benutzen, sehen wir, dass
[*] Ἰερουσαλήμ ein Begriff ist, den die hellenistisch geprägten Autoren bevorzugen - wir finden ihn vor allem in Lukas und Apostelgeschichte, Paulus und außerhalb der Evangelien. Dagegen nur zweimal bei Matthäus - und Null mal bei Markus und Johannes.
[*] Ἱεροσόλυμα ist dagegen ein Wort der Geschichtsbücher jüdischer Abfassung. Es ist die einzig benutzte Variante in Mk und Joh und die präferierte im Matthäusevangelium. In Lk kommt es dagegen nur viermal vor.

Im NT scheint es nun weitgehend an den Vorlieben des Autors zu liegen, welchen Begriff er einsetzt. Nur Lukas fällt aus dem Rahmen, der beide benutzt. Im Evangelium ist Ἱεροσόλυμα zwar die Ausnahme. In der Apg benutzt Lukas aber 37 mal Ἰερουσαλήμ und 22 mal Ἱεροσόλυμα.

In der Apg sehe ich übrigens auf den ersten Blick keine Bedeutungsnuancen. Hier scheinen die beiden Varianten austauschbar zu sein. Ob es etwas zu sagen hat, dass Ἱεροσόλυμα vor Apg 8 und Ἰερουσαλήμ nach Apg 22 selten ist, kann ich noch nicht sagen (aber s. Keener weiter unten).

In der LXX ist Ἰερουσαλήμ (790x) weitaus gebräuchlicher als Ἱεροσόλυμα (32x, alle bei den Makkabäern), meint Keener (im Vergleich zum NT: 77 zu 62). Es kann also insgesamt nicht die Rede davon sein, dass der erste Begriff bei den Juden nicht verbreitet oder eher von Heiden benutzt wurde. Aus Sicht der LXX fallen vielmehr die drei jüdischen Evangelisten aus dem Rahmen, die wie in der Makkabäerliteratur Ἱεροσόλυμα bevorzugen.

Im Kontext von Apg 1,8 schreibt Keener (S. 698f.):
For those who knew it especially through their Bible, Jerusalem evoked a rich plethora of images surrounding Israel’s heritage, from David’s time forward. (Luke often employs the indeclinable Septuagintal name for Jerusalem, Ἰερουσαλήμ, as in Acts 1:8, but sometimes, as in 1:4, the declinable Ἱεροσόλυμα, which in Greek presumably evokes the thought of the ἱερόν, the temple. He usually prefers the familiar Septuagintal spelling for the city in Acts 1–10, reinforcing the premise that he evokes a “biblical” milieu in the early chapters of Acts.) Apart from the gospel story, Luke’s ideal audience would have known more about Jerusalem than Galilee, both because of their biblical heritage and the relative fame of urban Jerusalem (even before 70 C.E. and certainly afterward).


Ich vermute, dass Keener es an dieser Stelle erwähnen würde, wenn er in Apg irgendwelche signifikanten Gebrauchsnuancen entdeckt hätte. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass wir hier etwas finden werden, es kann aber sein, dass Literar- und Redaktionskritiker dazu durchaus schon Theorien entwickelt haben. Aber das ist immer so eine Sache mit der Literarkritik - manchmal hilfreich, in der Regel aber nicht, und dann viel zu dünn argumentiert.

Keener zitiert hier übrigens ein Werk "Ross: The Spelling of Jerusalem in Acts", zu dem ich im Netz aber nix gefunden hab. Bei Interesse kann ich das in seiner Bibliographie nachschlagen.

Abgesehen von dem Gebrauch in der Apg wäre also v.a. zu klären,
[*] Warum Matthäus zweimal Ἰερουσαλήμ und Lukas viermal Ἱεροσόλυμα schreibt,
[*] wie Lukas mit synoptischen Parallelstellen verfährt. Auf den ersten Blick scheint es, dass keine seiner vier Stellen eine synoptische Parallele hat, d.h. er gibt die synoptische Tradition immer in seinem eigenen Stil wieder.

Nochmal zu den beiden Begriffen.
Ἱεροσόλυμα hat ja einen Spiritus asper, fängt also mit einem "h" an. Daher schwingt hier das ebenfalls behauchte ἱερόν mit, denn der Name Jerusalem beginnt ja auf Hebräisch nicht mit einem "h", sondern mit einem Jod ("j/i"). Die LXX-Variante Ἰερουσαλήμ passt lautlich viel besser zum hebräischen "Jeruschalajim".

Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass Ἱεροσόλυμα ein Wort ist, dass sich speziell auf das Jerusalem des zweiten Tempels bezieht. Vorstellbar ist auch ein aramäischer Einfluss oder eine spezielle Tendenz oder Vorliebe im palästinischen Griechisch (aber hier schieße ich ins Blaue).
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » Mi 31. Aug 2016, 04:23

Ich habe die Benutzung der jeweiligen Schreibweise der Evangelien und der Apostelgeschichte mal geordnet. Die Schreibweise ιερουσαλημ kommt an keiner Stelle gebeugt vor im Gegensatz zu ιεροσολυμα dessen Varianten ich unter ιεροσολυμ-α zusammen fasse. Ich habe auch versucht Textvarianten zu berücksichtigen. Evtl. Flüchtigkeitsfehler bitte ich zu entschuldigen.

Jesus
ιεροσολυμ-α :
- Matthäus 5,35 ; Matthäus 20,18
- Markus 10,33
- Lukas 18,31
- Johannes 4,21

ιερουσαλημ :
- Matthäus 23,37 (x2)
- Lukas 10,30 ; Lukas 13,4 ; Lukas 13,33 ; Lukas 13,34 (x2) ; Lukas 21,20 ; Lukas 21,24 ; Lukas 23,28 ; Lukas 24,47 ; Lukas 24,49 (TR + Byz)

Samariterin
ιεροσολυμ-α :
- Johannes 4,20

Kleopas (Emausjünger)
ιερουσαλημ :
- Lukas 24,18

Lukas als Erzähler
ιερουσαλημ :
Lukas 2,25 ; Lukas 2,38 ; Lukas 2,41 ; Lukas 2,43 ; Lukas 2,45 ; Lukas 4,9 (Matthäus 4,5 = "heilige Stadt") ; Lukas 5,17 ; Lukas 6,17 ; Lukas 9,31 ; Lukas 9,51 ; Lukas 9,53 ; Lukas 13,22 ; Lukas 17,11 ; Lukas 19,11 ; Lukas 24,13 ; Lukas 24,33 ; Lukas 24,52

ιεροσολυμ-α :
- Lukas 2,22 ; Lukas 2,42 (TR + Byz) ; Lukas 19,28 ; Lukas 23,7


Apostelgeschichte

Jesus
ιερουσαλημ :
- Apg 1,8 ; Apg 22,18 (Paulus zitiert Jesus) ; Apg 23,11


Paulus
ιεροσολυμ-α :
- Apg 18,21 ; Apg 26,4 ; Apg 26,10 ; Apg 26,20 ; Apg 28,17

ιερουσαλημ :
- Apg 13,27 ; Apg 13,31 ; Apg 20,22 ; Apg 21,11 ; Apg 21,13 ; Apg 22,5 ; Apg 22,17 ; Apg 24,11

Petrus
ιερουσαλημ :
- Apg 1,19 ; Apg 2,14 ; Apg 10,39

Juden
ιερουσαλημ :
- Apg 4,16 ; Apg 9,21

Hohepriester
ιερουσαλημ :
- Apg 5,28

Engel
ιερουσαλημ :
- Apg 8,26

Ananias
ιερουσαλημ :
- Apg 9,13

Festus
ιεροσολυμ-α :
- Apg 15,15 ; Apg 25,9 ; Apg 25,20 (Alexandr. Text) ; Apg 25,24

ιερουσαλημ :
- Apg 25,20 (TR + Byz.)

Lukas als Erzähler
ιεροσολυμ-α :
-Apg 1,4 (indirekte Jesuworte) ; Apg 8,1 ; Apg 8,14 ; Apg 11,2 (TR + Byz) ; Apg 11,22 (TR + Byz) ; Apg 11,27 ; Apg 13,13 ; Apg 13,27 ; Apg 20,16 ; Apg 21,17 ; Apg 25,1 ; Apg 25,7

ιερουσαλημ :
-Apg 1,12 ; Apg 2,5 ; Apg 4,5 ; Lukas 5,16 ; Apg 6,7 ; Apg 8,25 ; Apg 8,27 ; Apg 9,2 ; Apg 9,26 ; 9,28 ; Apg 12,25 ; Apg 15,2 ; Apg 15,4 ; Apg 16,4 ; Apg 19,21 ; Apg 21,4 (Lukas zitiert Jünger aus Tyrus) ; Apg 21,12 ; Apg 21,15 ; Apg 21,31 ; Apg 25,3

Ben
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Mi 31. Aug 2016, 16:57

Was sind deine Erkenntnisse?
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » Mi 31. Aug 2016, 18:05

Noch keine eindeutigen. Ich fand es aber wichtig zwischen Autor und Figuren innerhalb der Erzählung zu unterscheiden. Ich glaube nicht, dass die Evangelisten jemandem was in den Mund legen. Das passiert leider schnell, wenn man die Texte nur für Literatur hält.

Ben
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Mi 31. Aug 2016, 18:59

Die Evangelisten legen meist tatsächlich niemandem Worte in den Mund, aber sie geben Redeinhalte mit eigenen Worten wieder. Sie kürzen oder verdeutlichen die Worte Dritter auf inspirierte Weise für ihre eigenen theologischen Zwecke. Das war auch für exakte Geschichtsschreiber zur Zeit des NT ganz normal. Und es passt hervorragend zu dem, was wir von der Entstehung der Evangelien wissen: Dass sie nämlich Aufzeichnungen der Evangelisten von (autoritativen) Erinnerungen über Jesus sind.

Wir haben dafür im NT relativ klare Belege:
* Auch in längeren Abschnitten wörtlicher Rede (z.B. in der Apostelgeschichte) ist kein Stilwandel zu erkennen. Der wäre aber zwangsläufig zu erwarten, wenn der Autor die Person wortwörtlich zitiert hätte.
* Viele dieser Reden sind eindeutig verkürzt.
* Es passt zu der allgemeinen Taktik der Evangelisten als Redaktoren. So sind etwa die Weihnachtsberichte in Mt und Lk inkompatibel - es sei denn, man erkennt an, dass die beiden inspirierterweise bestimmtes Material selektiert und dann so lückenlos erzählt haben, dass der Anschein einer zusammenhängenden erweckt wird. Das taten sie offenbar aus stilistischen/erzählerischen Gründen. Es ist auch nicht verwerflich, wir müssen uns einfach daran gewöhnen.
* Wir haben in den vier Evangelien drei verschiedene letzte Worte Jesu am Kreuz. Hier lässt sich noch einigermaßen eine einheitliche Handlung konstruieren. Die Handschrift der Evangelisten als eigenständiger menschlicher Autoren mit durchaus auch eigenständiger Erinnerung tritt aber klar hervor. Schwieriger ist es, die Auferstehungsberichte der Synoptiker mit dem von Johannes zu harmonisieren.

Falls dir das Schwierigkeiten macht, kann ich das voll verstehen. Ich habe jedenfalls etwas gebraucht, um mich daran gewöhnen, dass die Abfassung der Evangelien nicht so ein einfacher (und 100% exakter) Prozess war, wie ich vorher dachte. Aber jedes der angeführten Phänomene für sich genommen und insgesamt macht so viel Sinn, dass kein Weg daran vorbeiführt.
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » Fr 2. Sep 2016, 00:38

@Ben

bist du eigentlich ein Vertreter der historisch kritischen Universitätstheologie ?

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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Fr 2. Sep 2016, 03:33

Nein, absolut nicht! Ich bin evangelikaler Theologe und glaube an die Inspiration und Zuverlässigkeit der Schrift!

Die Fakten, die ich anspreche, haben mir eben deshalb auch erstmal Schwierigkeiten gemacht, als ich sie erfahren habe. Ich meine aber, dass diese die logischsten Folgerungen aus den beschriebenen Symptomen sind (und damit liege ich im Mainstream der bibeltreuen Exegese).

EDIT: Ich merke auch, dass ich in meinem letzten Beitrag den Gedanken zu den Auferstehungsberichten nicht fertig geschrieben habe, das musstest du falsch verstehen. Was noch fehlt: Die Urgemeinde hat die vier Evangelien als Heilige Schrift anerkannt, weil sie von den vier Evangelisten stammten, die die autoritative Lehre Jesu/der Apostel zuverlässig überlieferten. Das heißt nicht, dass man nicht merkte, dass es kleine Diskrepanzen zwischen den Evangelien gibt. Die Evangelien wurden gemeinsam als Heilige Schrift aufgenommen und nicht gegeneinander ausgespielt, weil jedes für sich von einem zuverlässigen und inspirierten Zeugen stammte.
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » Fr 2. Sep 2016, 12:00

Was du hier als Fakt bezeichnest, sehe ich aber überhaupt nicht so. Die Argumentationsweise entspricht der historisch kritischen Methode und wie das da halt so ist, sind die Argumente aus der Luft gegriffen und halten einer näheren Überprüfung nicht stand. Darauf einzugehen wäre aber für mein Thema rahmensprengend. Für dieses Forum eigentlich auch, dachte ich...

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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Fr 2. Sep 2016, 17:32

Wie du meinst! Ich meine, es deckt sich eben z.B. mit dem, was wir über "Jerusalem" herausgefunden haben. Unsere Denkvoraussetzungen haben in diesem Zusammenhang eine Rolle gespielt.

Ich kann deine Skepsis gut nachvollziehen, ich hätte vor meinem Theologiestudium ähnlich reagiert.

Ich kann dir aber versichern: Das hat mit historisch-kritischer Hermeneutik nichts zu tun. Man kann auch mit einem evangelikalen Schriftverständnis die Bibel erforschen und zu verstehen versuchen, wie sie entstanden ist und wie Inspiration funktioniert. Schlage mal einen evangelikalen exegetischen Kommentar oder eine Einleitung ins Neue Testament auf. Du wirst ähnliche Gedanken finden. Nichts von dem, was ich angeführte habe, ist aus der Luft gegriffen oder verrät die Zuverlässigkeit der Schrift. Es zeugt vielmehr von größerer Ehrlichkeit im Angesicht des Bibeltexts. Das ist leider eine Ehrlichkeit, die in manchen Kreisen aufgrund zu einfacher Denkvoraussetzungen als tabu gilt.

Was ich als Fakten bezeichne, sind übrigens tatsächlich nachprüfbare Fakten, die der näheren Überprüfung standhalten:
- dass in den Geschichtsbüchern sich der Stil auch in wörtlicher Rede Dritter nicht verändert. Dass das genau den Konventionen zeitgenössischer Geschichtsschreiber entspricht. Dass in parallelen Berichten derselben Begebenheit ein und dieselbe Person oft unterschiedliche Dinge sagt.
- dass die Evangelisten als inspirierte Autoren zwar den Anspruch haben, zuverlässige Berichte abzuliefern, aber dabei erkennbar selektiv vorgehen und Material selbständig ordnen (was di Texte aber nicht unhistorisch macht). Fange einfach mal mit Jesus als Baby an und schau genau, wie Matthäus und Lukas die Ereignisse zwischen Geburt und Nazaret darstellen. Oder vergleiche die Chronologie der einzelnen Evangelien.

Wir können es gerne dabei belassen. Ich habe jetzt nur so ausführlich Stellung genommen, weil dein Urteil zwar verständlich, aber pauschal und ungerechtfertigt ist und ich mich gleichzeitig in die liberale Ecke gerückt fühle. Wir können uns gerne an anderer Stelle über Einzelheiten unterhalten.

Gottes Segen! :)
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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon m.schoeffel » Fr 2. Sep 2016, 19:07

Du musst nicht davon ausgehen, dass ich nicht bescheid weiss über ein Theologiestudium, nur weil ich weder deiner Meinung bin noch entsprechend argumentiere wie es dir im Studium beigebracht wurde.

Man kann nicht die Methoden der historisch kritischen Exegese benutzen und sich gleichzeitig davon distanzieren.

Also worum es mir mit dem Thema ging :

Ich glaube, dass in der Schreibweise des Namens Jerusalem eine gewisse Botschaft drin steckt. Eine gewisse Tendenz die ich glaube erkannt zu haben, habe ich Anfangs schon genannt. Weitere Details die ich aufgelistet habe, haben bisher weder dafür noch dagegen gesprochen.

Du glaubst das scheinbar nicht, sondern für dich ist es Fakt, dass sich die verschiedenen Schreibweisen allein aus den schriftstellerischen Umständen ergaben. Dagegen hätte ich überhaupt nichts, wenn es denn stimmte. Welcher Art deine Argumente sind, spielt auch keine Rolle, da sie einfach nicht wahr sind, sondern lediglich Behauptungen die du einfach in den Raum stellst und wahrscheinlich eine schweigende Ehrfurcht ob ihrer "Unantastbarkeit" von mir erwartet hast.

Die von mir erstellte Liste ist mir nicht in den Schoß gefallen noch habe ich sie abgeschrieben. Ich habe viel Stunden damit verbracht jede einzelne Bibelstelle sorgfältig im weiten Kontext zu prüfen. Dabei habe ich mir natürlich auch zwangsläufig Gedanken über Stilfragen jener Stellen gemacht und kann die Stilfrage aus der eigenen Erkenntnis her beurteilen, ohne mich von Erkenntnissen anderer entmündigen zu lassen, die meinen einfach irgendwas als Fakt in den Raum stellen zu müssen, was eigentlich eine reine Ermessensfrage ist. Genau deswegen habe ich mich nicht zu der Stilfrage geäussert, nicht weil ich von solchen Dingen keine Ahnung hätte.

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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Manfred » Sa 3. Sep 2016, 19:40

Ich bin ja nur ein kleines Licht, aber ist Jerusalema nicht weiblich und Jerusalem sächlich?
Liebe Grüße!
Manfred
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Lasset alles geschehen zur Auferbauung!

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Re: ιερουσαλημ / ιεροσολυμα

Beitragvon Ben » Sa 3. Sep 2016, 20:45

Lieber Mannfred, es scheint so, dass beide Begriffe weiblich sind. Auch Ἰερουσαλήμ steht mit weiblichem Artikel, sagt BDAG.
EDIT: Verzeihung: Ἱεροσόλυμα kann sowohl feminin Singular (37x) als auch neutral Plural (25x) sein, das ist interessant. Ich merke übrigens, dass die vier Ἱεροσόλυμα in Lk immer mit εἰς oder ἐν stehen, aber das sind ja im Kontext verbreitete Präpositionen...

m.schoeffel hat geschrieben:Du glaubst das scheinbar nicht, sondern für dich ist es Fakt, dass sich die verschiedenen Schreibweisen allein aus den schriftstellerischen Umständen ergaben. Dagegen hätte ich überhaupt nichts, wenn es denn stimmte. Welcher Art deine Argumente sind, spielt auch keine Rolle, da sie einfach nicht wahr sind, sondern lediglich Behauptungen die du einfach in den Raum stellst und wahrscheinlich eine schweigende Ehrfurcht ob ihrer "Unantastbarkeit" von mir erwartet hast.


Dann zeige mir doch, dass sie nicht wahr sind! Ich bin doch nicht derjenige, der einfach Behauptungen in den Raum stellt. Ich habe argumentiert. Dagegen fehlen mir bisher jegliche Anhaltspunkte für deine These.

Übrigens hast du meine Argumentation verdreht. Also nochmal:
Ich habe analysiert, wie welcher Autor die Begriffe benutzt, und bei allen außer Matthäus und Lukas war es so, dass sie sich für einen einzigen Begriff entschieden haben. Dasselbe Bild ergibt sich in der LXX. Da können wir wirklich von stilistischen Gewohnheiten sprechen. Dieses Ergebnis habe ich dann mit einem bekannten Faktum verknüpft, das wunderbar dazu passt. Bei Lukas und Matthäus sieht es natürlich anders aus und es wäre zu klären, wie die beiden Evangelisten vorgehen und ob Absicht dahintersteckt.

Dass die ntl. Autoren (abgesehen, in Teilen, von Paulus) in jedem Buch einen recht einheitlichen Stil pflegen, der sich auch in wörtlicher Rede nicht unterscheidet, gehört für Exegeten zum Allgemeinwissen. Das lässt sich statistisch belegen. Es reicht eigentlich schon, wenn man den gesamten Text in der Ursprache durchliest. Und das, wohlgemerkt, obwohl wir etwa aus Lukas' eigenen Worten wissen, dass er mit verschiedenen Quellen gearbeitet hat.

Dabei habe ich nicht versucht, dich widerspruchslos zu belehren, sodass du dann ehrfurchtsvoll schweigst. Ich wollte helfen. Was mir dann geholfen hätte, wäre etwas mehr Fairness und weniger Pauschalkritik. Man muss nicht einer Meinung sein, aber man sollte sich wenigstens zuhören.

Und im Theologiestudium (oder wenigstens in meinem an einer evangelikalen Hochschule) lernt man übrigens nicht einfach vorgefertigte Antworten, sondern man lernt vor allem auch, sich seiner eigenen Denkvoraussetzungen bewusst zu sein und dann eigenständig Antworten zu finden.

m.schoeffel hat geschrieben:Man kann nicht die Methoden der historisch kritischen Exegese benutzen und sich gleichzeitig davon distanzieren.


Ich will dir wirklich nicht zu nahe treten und würde mich freuen, wenn wir uns weiterhin vertragen. Es geht mir auch nicht darum, dich von oben herab zu belehren. Ich würde mich freuen, wenn wir auf Augenhöhe argumentieren könnten - momentan fühle ich mich aber von oben herab behandelt.

Nach dieser Einleitung wage ich es einfach mal zu sagen:

Die zitierte Behauptung ist schlicht unwahr, und sie bezeugt ein limitiertes Verständnis der HKE. (Was ich dir nicht vorwerfen will, ich verstehe dich ja.)

Erstens habe ich in diesem Fall gar keine historisch-kritischen Methoden benutzt, sondern einfach den Text beobachtet.
Zweitens ist die Behauptung auch unabhängig davon unwahr.

Die historisch-kritische Exegese besteht aus zwei Teilen:
- Der letztlich atheistischen historisch-kritischen Hermeneutik, die zu fatalen Forschungsergebnissen führt und letztlich von vornherein ausschließt, dass die Bibel inspiriert und zuverlässsig sein könnte.
- Mit der Hermeneutik nicht untrennbar verbunden sind die verschiedenen kritischen Methoden oder Textbetrachtungswerkzeugen, von denen einige weniger hilfreich sind (Literarkritik, zu großen Teilen die Redaktionskritik oder viele der postmodernen Methoden), andere hingegen sehr. Z.B. die Gattungskritik in den Psalmen: Sie hat im 20. Jh. die Psalmenforschung revolutioniert. Auch Bibeltreue können daraus lernen und sehr viel damit anfangen. Es gibt heute schlicht keinen Psalmenausleger, der nicht von Hermann Gunkel profitiert, ob man nun Gunkels Hermeneutik teilt oder nicht, und ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.

Wie hilfreich diese Methoden sind, wie und ob du sie einsetzt, und zu welchen Ergebnissen du damit kommst, hängt immer von deiner Hermeneutik ab. Es gibt Ausleger, die sich in Teilen der evangelikalen Bewegung zurechnen, aber letztlich historisch-kritische Exegese mit möglichst konservativen Ergebnissen betreiben. Das hat fatale Effekte, die ich selbst schon erlebt habe.

Und dann gibt es Evangelikale (z.B. ein großer Teil der angelsächsischen evangelikalen Exegese), die mit evangelikaler Hermeneutik ernsthafte, bibeltreue Bibelwissenschaft betreiben. In diesen Teilen herrscht ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein dafür vor, welche Hermeneutik zu welchen Ergebnissen führt. "Prüft alles, das Gute behaltet" gilt auch für die moderne Bibelwissenschaft.

Ich würde dich im übrigen einladen, einfach mal unvoreingenommen die beiden Fakten zu prüfen, die ich im letzten Post vorgelegt habe. Das, und nicht ein Streit, war schließlich der Sinn der Sache.

Und damit: Entschuldigung, falls ich arrogant rübergekommen bin, es war nicht so beabsichtigt.
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