Hos 6,6: checed

Grundlagen. Basisfragen zu hebräischen Vokabeln und zur Grammatik
Gujocora
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Hos 6,6: checed

Beitragvon Gujocora » Fr 30. Okt 2015, 14:55

Liebe Leser,

die ELB2003 gibt in Hos 6,6 checed mit „Frömmigkeit“ wieder. Das scheint mir ein Unikum zu sein, denn ich kenne keine Übersetzung, die das auch so wiedergibt. Meist wird checed übersetzt mit „Liebe“ (Schl2000, Luth12) oder „Güte“ (RELB).

Kann man checed mit „Frömmigkeit“ übersetzen? In meinem Wörterbuch ist hier nur "Barmherzigkeit, Gnade, Gütigkeit" angegeben!

Viele Grüße,
Guntmar

Titus_Vogt
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon Titus_Vogt » Fr 30. Okt 2015, 15:12

Lieber Guntmar,

ja, finde auch, dass "Frömmigkeit" eine zumindest unübliche Übersetzung des hebr. chesed ist. Der Grund scheint mir zunächst schnell zu erklären zu sein: Man hat bei der Revision der 1905er Elberfelder zur 2003er Ausgabe einfach "Frömmigkeit" stehengelassen.

Vielleicht hat man vor >100 Jahren "Güte, Liebe, Freundlichkeit, Wohlwollen, Barmherzigkeit, Gunst" (so eine erste Auflistung zum Begriff bei Gesenius, 18. Aufl.) als "Frömmigkeit" zusammengefasst. Wie auch immer. Im weiteren Verlauf des Lexikonartikels erscheint bei Gesenius noch "2. Pl. a) v. Menschen: Werke d. Frömmigkeit, Leistungen". Nun steht chesed in Hos 6,6 nicht im Plural, insofern passt das hier nicht 1:1, aber vielleicht ist es inhaltlich gleichwohl nicht so sehr weit entfernt.

Beste Grüße
Titus

Ben
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon Ben » Fr 30. Okt 2015, 17:23

Ich würde auch denken, dass das damit umschriebene menschliche Verhalten gegenüber Gott (wenn man es denn so interpretiert, es könnte ja auch zwischenmenschlich gemeint sein) sich mit "Frömmigkeit" durchaus wiedergeben lässt.

Übrigens: Dieses Wort gehört zu den meistdiskutierten theologischen Begriffen des Alten Testaments. Die Diskussion hat wesentlich im 20. Jh. stattgefunden. Ich bin nicht sicher, ob das letzte Wort schon gesprochen ist. Es wäre also gar nicht verwunderlich, wenn hier in den Übersetzungen eine relativ große Bandbreite von Wiedergaben zu finden wäre, oder wenn die Elberfelder da vielleicht auf einem älteren Forschungsstand beruhen sollte.
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caleteu
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon caleteu » Fr 30. Okt 2015, 21:55

So wie ich es bisher verstanden habe, bezeichnet chesed eine Verhaltensweise. die einer Bundesbeziehung entspricht. Ein Bund schuf eine familien-ähnliche Beziehung zwischen Parteien, die nicht blutsverwandt waren. Die Familie trug eine viel größere Verantwortung für die einzelnen Glieder , wie es bei uns heutzutage der Fall ist. Sie war für Versorgung, Schutz, Rache (!!!) usw. zuständig. Gottes chesed bedeutet, daß Er uns schutzt, bewahrt und versorgt. Zum Bund gehörte aber auch Konsequenzen, falls eine Partei seine Verpflichtungen nicht einhielt. In Christus hat Gott die Verantwortung für beide Parteien übernommen, für Sich und für uns.
Liebe Grüße, Eure Cambron

Ben
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon Ben » Fr 30. Okt 2015, 22:15

Dass "chesed" eine Bundestreue bezeichnet, ist genau die These, die Anfang des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen wurde und lange sehr stark vertreten war. Inzwischen wird das in den meisten Kommentaren und Wörterbüchern (z.B. THAT) etwas zurückhaltender gesehen, auch wenn die Treue der Beziehung in vielen Kontexten schon konnotiert zu sein scheint.

Zitat aus einer Fußnote der Offenen Bibel:
Hebr. חֶסֶד bezeichnet tief verbundene Zuwendung, loyale Freundlichkeit, den wohlwollenden, durch Verbindlichkeit geprägten Ausdruck von Liebe, Wohlwollen, Gnade. Die genaue Konnotation hängt vom Kontext ab (zu Einzelstellen s. Stoebe 62004, 600-621; Harris 1980, 305-7). Stoebe übersetzt zunächst „Güte“, gebraucht anschließend jedoch meist „Freundlichkeit“. Harris hält „liebende Freundlichkeit/Treue“ (engl. „lovingkindness“) für sehr passend. In Ps 138,2 benutzen die deutschen Übersetzungen: „Güte“ (Lut, GNB, NGÜ), „Gnade“ (REB, Zür, SLT, NLB, Menge), „Liebe“ (HfA), „Huld“ (EÜ). Hossfeld übersetzt ebenfalls mit „Liebe“ (Hossfeld 2008, 707) [Beispiele fehlen hier noch] Ob dabei auch Verpflichtung gegenüber der gegenseitigen Beziehung eine Rolle spielt, ist umstritten. Besonders geht es dabei um die Frage, ob in den zahlreichen Texten, wo von Gottes חֶסֶד die Rede ist, seine Bundestreue gemeint ist (so seit N. Glueck, Das Wort hesed im atl. Sprachgebrauche als menschliche und göttliche gemeinschaftsgemäße Verhaltungsweise, 1927) – oder eher allgemein seine Güte, sein treues, wohlwollendes Handeln gegenüber den Menschen. Die zweite Deutung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt. So ist von Treue zum Bund an vergleichsweise wenigen Stellen ausdrücklich die Rede. Zudem gibt es etliche Stellen, an denen loyale Verpflichtung gegenüber einer Beziehung nicht gemeint sein kann. Auch Gluecks Beziehungskonzept wird heute als zu schematisch wahrgenommen; er vernachlässigte auch, dass eine zugewandte Haltung schon notwendig ist, um eine Beziehung überhaupt einzugehen – und nicht erst deren Folge ist (Stoebe 62004, 600-621; Harris 1980, 305-7).


S. auch die Offene-Bibel-Diskussion zu der Fußnote (wo meine ursprüngliche "anti-Bundestreue"-Version der Fußnote kritisiert wird) und eine andere Diskussion, wo ich diese ursprüngliche Argumentation vergessen und stattdessen pro-Bundestreue argumentiere - beide Diskussionen gingen für mich verloren. :)
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caleteu
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon caleteu » So 1. Nov 2015, 07:13

Hmm, ich muß umdenken. Weißt Du, ob chesed auch in Zusammenhängen vorkommt, wo keine verbindliche Beziehung existiert, z. B.zwischen Gott und den Heiden?
liebe Grüße, Deine Cambron

Ben
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Re: Hos 6,6: checed

Beitragvon Ben » So 1. Nov 2015, 16:53

Falls du das THAT (Jenni/Westermann) hast: ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dort Beispiele gesehen habe. Das TWOT (Archer et al) schließt sich der Argumentation dort an und hat auch einige. Ansonsten hilft nur eine Wortstudie. Wenn du anders nicht drankommst, kann ich dir auch Zitate raussuchen.

Liebe Grüße,
Ben
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